Wie ein Minimalist wohl ohne Gabel isst? Von der Zweckentfremdung einer Lebenspraxis

Die ewige Suche nach beständigem Glück beschäftigt unsere Gesellschaft in Zeiten von vergänglichen Statussymbolen wie Schönheit, modernen Konsumartikeln und finanziellem Reichtum zunehmend. Eine ursprünglich religiöse Praxis erlebt nun ihren neuen Höhepunkt: Unter Minimalismus versteht man die Reduzierung des persönlichen Eigentums auf die Gegenstände, die man für das tägliche Leben unabdinglich benötigt.

 

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Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit diesem Lebensentwurf, der angeblich glücklicher machen soll als der von der Gesellschaft vorgegebene Mainstream, in Berührung komme. Der Trend schlägt sich auf vielen medialen Kanälen nieder, seien es Filme, Zeitschriftenartikel oder Bücher. Letztens habe ich eine Dokumentation darüber gesehen, die es für einen kurzen Moment schaffte, mich zu begeistern. Ich legte die Blaupause des Minimalismus auch auf mein Leben: Der Blick schweifte durch die Wohnung und schnell kam die Frage auf, ob die Schränke nicht viel zu voll seien. Könnte ich mich hiervon trennen? Brauche ich das da tatsächlich? Die anfängliche Begeisterung versiegte jedoch recht schnell und wurde abgelöst von dem Verdacht, dass dieser neue, medial präsentierte Minimalismus eigentlich eine absolute Fehlinterpretation der ursprünglichen Praxis darstelle. Die in der Doku agierenden „Pioniere“ zählen nicht etwa eine warme Decke für die Nacht zu ihren wichtigsten Utensilien. Auch eine Grundausstattung an Geschirr und Besteck fehlt. Zählen aber nicht gerade diese zu den tatsächlich elementaren Alltagsgegenstände? Stattdessen wird damit geworben, dass eine junge Frau ihre Leidenschaft für Mode mit lediglich 33 Kleidungsstücken auslebt und ein vielbeschäftigter Reisender für 10 Monate nur eine einzige Tasche braucht – plus seinen Laptop, versteht sich.

 

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Als ich gestern die Reiseliteratur in der städtischen Buchhandlung durchforstet habe, fiel mir auch dort genau dieses Thema in Form eines Romans erneut in die Hände. Da schreibt der Verlag der jungen Autorin doch tatsächlich, die Protagonistin habe sich von materiellem Besitz freigemacht, schlafe während ihrer Reise teils auf Klappsesseln, teils in Luxushotels. Offensichtlicher könnte man dieses Paradoxon doch wohl nicht verpacken. Und genau an dieser Stelle setzt meine Kritik an: Die Generation Y ist eine bewegte. Wir sind die Heimatlosen, die digitalen Nomaden. Diejenigen, die nicht wissen wohin ihr Leben sie führt, für die ein Job weder lokale Gebundenheit noch soziale Sicherheit bedeutet. Es ist selbstverständlich, dass es uns entgegenkommt, möglichst wenig zu besitzen. Ich weiß wovon ich rede. In den letzten 12 Monaten bin ich ganze fünf Mal umgezogen. Mein Hausstand hat sich währenddessen drastisch verkleinert und ich würde jedem dazu raten, Möbel zu leihen, zu mieten oder beim Auszug zu verkaufen, statt sie 500km über die Autobahnen des Landes zu transportieren. Minimalismus macht frei und beweglich.

 

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Dieses Konzept nun aber als Weg zum Glück zu titulieren und sich somit an die geistlich begründete Askese vieler Mönche und Gläubiger anzulehnen, erscheint mir als Zweckentfremdung der eigentlichen Praxis. Die Materialismuskritik, die dem Minimalismus zu Grunde liegt, geht vollends verloren. Denn bin ich noch Minimalist, wenn ich mich einfach am Konsum anderer bereichere? Damit prahle, dass ich beim Reisen kaum Ballast mit mir trage, dann aber in voll ausgestatteten Hotels oder Apartments unterkomme, die selbstverständlich über WLAN verfügen, damit ich gleichzeitig mit meinem neuesten Smartphone und dem Laptop in diversen Onlineshops surfen kann? Räumt mir das ständige Reisen und Weltenbummeln tatsächlich Raum ein für die wichtigen Dinge des Lebens: Familie, Gesundheit, Freunde? Nein! Stattdessen möchte ich behaupten: Dies ist der gelebte Ausdruck von Bequemlichkeit, von an Objekten demonstrierter Angst vor Verantwortung und Bindung – ein Charakteristikum der Jugend. Und wenn man dies annimmt, ist der Minimalismus demnach nicht ein Konstrukt, das geradezu die Handschrift der Generation Y trägt und Glück als Freiheit definiert, obwohl genau darin auch die ewige Suche begründet liegt?

Was ist nun die Moral von der Geschichte?

Ich für meinen Teil versuche abzuwägen. Auf einen Fernseher verzichte ich bereits, der Kleiderschrank wird regelmäßig für die Kleiderspende aussortiert, gelesene Bücher, die es nicht unter die Favoriten schaffen, werden verschenkt. Ob mich dieses Vorgehen glücklicher macht, kann ich nicht sagen. Zumindest aber, und zu dieser positiven Kritik muss ich mich nun doch hinreißen lassen, fördert der Minimalismus ein kritisches Konsumbewusstsein und den Fortschritt von Sharing- und Charity-Initiativen. Alleine dafür hat dieses Thema meiner Ansicht nach bereits seine Daseinsberechtigung im gesellschaftlichen Diskurs der Zweifler und Revolutionäre.