Vom Wunsch nach mehr „Gender-Mainstreaming“ und warum ich Feministin bin

„Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frau zu schreiben. Das Thema ist ärgerlich, besonders für die Frauen; außerdem ist es nicht neu. Im Streit um den Feminismus ist schon viel Tinte geflossen, zur Zeit ist er fast beendet: reden wir nicht mehr davon. Man redet aber doch davon.“

Die Anführungszeichen verraten es schon: Diese Worte stammen nicht von mir, sondern von Simone de Beauvoir und sie wurden – aufgepasst – im Jahre 1949 geschrieben. Warum sie immer noch so aktuell sind und was es für mich bedeutet Feministin zu sein, darum wird sich der heutige Blogpost drehen.

Um mich nicht allzu lange an der Geschichte des Feminismus aufzuhalten, möchte ich mit einem kleinen, anschaulichen Beispiel direkt zu Beginn die wichtigste Frage klären: Was bedeutet Feminismus heutzutage überhaupt? Im Zuge meiner Bachelorarbeit habe ich Genderkonstruktionen, also die Darstellung des Weiblichen und des Männlichen, im Disneyfilm untersucht. Wie es sich für eine klassische Gegenüberstellung gehört, habe ich zwei sehr klischeehafte Filme ausgewählt: Schneewittchen, die putzende, kochende und kindgebliebene Schönheit, die sich nach der Erlösung durch den Prinzen sehnt und ihr gegenüber Mulan, die nicht in der Lage ist der Familie in ihrer Rolle als stillschweigende Tochter Ehre zu erbringen und stattdessen, verkleidet als Mann, ganz China rettet.

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In der Forschungsliteratur – ja, es gibt wissenschaftliche Aufarbeitungen von Disneyfilmen – wird gerade Mulan, das scheinbare Paradebeispiel der Genderbewegung, dem Erdboden gleich gemacht. Denn nachdem die Protagonistin des Films, die mit allen Konventionen brach, sich endlich Respekt verdient hat, lehnt sie die Karriere im Kaiserpalast ab um nach Hause zurückzukehren, sich vor ihrem Vater auf die Knie zu werfen und zu guter Letzt auch noch den Hauptmann der Armee zu heiraten. Als ich diese, für mich als Mulan-Fan, niederschmetternden Erkenntnisse meiner Schwester mitteilen wollte, war diese keineswegs so desillusioniert wie ich: „Warum sollte Mulan nicht zu ihrer Familie zurückkehren und heiraten dürfen, wenn das ihr Wunsch ist?“ Und damit traf sie ohne Frage den Nagel auf den Kopf.

Die „dritte Welle“ des Feminismus, also die Form, die etwa in den 90er Jahren vertreten wurde, steht dafür ein, dass jedes Individuum – und damit Frau wie Mann – sich selbst nach eigenen Wünschen und Zielen verwirklichen darf. Demnach muss die Frau nicht am Herd stehen oder die Kinder erziehen, während der Mann auch nicht das Geld nach Hause bringen muss. Es ist aber durchaus ein legitimes Konzept. Und mit dieser Definition von Feminismus möchte ich gerne fortfahren. Das ist mein Verständnis von Gleichberechtigung: Freiheit von genderspezifischen Stereotypen für Frauen, aber auch für Männer!

Genau diese Einstellung vertritt auch Emma Watson, die für ein wenig bekleidetes Foto in der Vanity Fair als Anti-Feministin bezeichnet wurde, also als Gegenteil von dem, was sie tatsächlich ist. Ihre Antwort „I really don’t understand what my tits have to do with it“ und folgende Erläuterungen bringen das Vielgesagte auf den Punkt:

Ich halte diese Klarstellung tatsächlich für sehr wichtig. Denn als ich letztens im Teppenhaus der Uni ein Poster sah, das für das neue Gender-Zertifikat warb, fiel mir eine erschreckende Nebenerscheinung auf: Jemand hatte einen Sticker mit dem Titel „Die Sp_innen!“ angebracht, mit dem sich die unabhängige Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“ dagegen ausspricht, die Berücksichtigung des weiblichen Geschlechts sowie aller Formen, die sich dem klassischen Geschlechterdualismus entziehen, in der Sprache mit dem sogenannten Genderstern anzuerkennen. Und schon war klar: Hier hat mal wieder jemand nicht verstanden, worum es bei der Genderkompetenz eigentlich geht. Oft hört man Beschwerden über das jetzt wohl im Trend liegende „Gender-Mainstreaming“, also das Vorgehen, jedes Thema in die Mann- und Frau-Perspektive zu untergliedern. Ich aber sage, dass Gender noch lange kein Mainstream ist, weil die dahinterstehende, unglaublich wichtige Bedeutung noch immer unterschätzt und das Wort „Feminismus“ selbst von manchen Frauen negativ assoziiert wird. Übrigens hat auch nicht jede*r, die*der sich Feminist*in nennt, dieses Prinzip verstanden. Denn meiner Meinung nach brauchen Frauen keine „Female Future Academy“, wie das Webmagazin Edition f gerade zu etablieren versucht. Wir sind nicht schlechter ausgebildet und brauchen auch keine spezielle Förderung durch Workshops und Kurse. Diese sind sicherlich sinnvoll, aber eben für jede*n Arbeitnehmer*in und nicht für Frauen im Spezifischen. Wir sind klug und stark und nicht mit besonderer Fürsorge zu betrachten – nur mit Gleichberechtigung.

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Bevor ich nun schweren Herzens zum Abschluss dieses Beitrags komme – denn glaub mir, ich könnte noch Stunden lang weiter schreiben – möchte ich noch einen Appell einbauen: Den Aufruf an alle Frauen und Männer, sich zum Feminismus zu bekennen, weil er, in den Worten von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl, „das Leben schöner macht“ (Buch: Wir Alphamädchen). Denn ja, ich darf zur Wahl gehen. Und ja, laut Grundgesetz habe ich die gleichen Rechte wie jeder Mann in diesem Land. Doch einerseits ist dies noch lange nicht in jeder Gegend dieser Erde selbstverständlich und dafür müssen wir einstehen. Andererseits gibt es auch in der ach so fortschrittlichen, westlichen Welt ausreichend Handlungsbedarf. Die Frauenquote muss dafür sorgen, dass Frauen im Beruf bei gleicher Qualifikation nicht aufgrund ihrer Fähigkeit Kinder zu gebären benachteiligt werden. Der Präsident der Vereinigten Staaten wurde gewählt, obwohl er zugab Frauen gerne mal ohne deren Aufforderung zwischen die Beine zu fassen. Die AfD – und ich verkneife mir jeden weiteren Kommentar zu dieser absurden Formation – wünscht sich laut Parteiprogramm polemisch gesprochen wieder mehr Frauen am Herd. Und die Alltagserfahrungen vieler Mädchen und Frauen, dass sie auf ihr Äußeres reduziert werden (ganz stark bspw. in der Werbung), dass ihr Engagement und ihre Stimme im Job nicht so viel wert sind wie die eines männlichen Mitarbeiters und nicht zu vergessen, die sexuellen Belästigungen auf offener Straße dürfen nicht einfach als gegeben hingenommen werden.

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Genauso darf kein Mann schräg angeschaut werden, weil er in Vaterschaftsurlaub geht. Denn von Natur aus ist das gründen einer Familie Sache von zwei Elternteilen, von der Zeugung bis zur Volljährigkeit – und darüber hinaus. Ein Mann ist auch dann ein Mann, wenn er Gefühle eingesteht, sogar wenn er weint. Er darf sich jedoch auch seiner Karriere widmen oder schnelle Autos mögen. Alles kann, nichts muss. Dieses breite Sprektrum verbirgt sich hinter dem „Gender-Quatsch“. Nämlich die Tatsache, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Geschlecht sein darf, wie er sein will und nicht den veralteten Vorstellungen einer Gesellschaft nachkommen muss, die auf keinerlei nachvollziehbarer Basis stehen. Und wenn wir alle diese Interpretation endlich anerkennen, was könnte dann noch gegen den Feminismus sprechen?

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