Urban Art Biennale in Völklingen

Die Urban Art Biennale zieht jedes Jahr ein kunstinteressiertes und auch jüngeres Publikum in das Weltkulturerbe Völklinger Hütte. In etwa 20-minütiger Entfernung zur Landeshauptstadt Saarbrücken ragt die stillgelegte Erzhütte schon von der Autobahn sichtbar in den Himmel. Ich möchte micht heute nicht zu sehr mit dieser Einrichtung, die laut eigener Aussage „einer der spannendsten Orte der Welt“ sei, auseinandersetzen, da früher oder später ohnehin noch ein Beitrag mit dem Thema Industriekultur im Saarland auf euch wartet. Jeder, der schon einmal dort war und im Nachhinein die Fotoflut sortieren musste, weiß wie sehenswert die alte Hütte auch heute noch ist.

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Das Gelände wird als Museum, nicht nur in eigener Sache, sondern auch für diverse Kunstrichtungen genutzt, weshalb sich dieser Post mehr mit der aktuellen Ausstellung, der 4. Urban Art Biennale, als mit dem Kulturerbe selbst beschäftigt. Dabei wird noch bis November diesen Jahres eine Vielzahl an Künstlern, Techniken und Themen gezeigt, die sich alle im Bereich der Street Art oder – wie der Name schon sagt – urbanen Kunst bewegen sollen. Dabei weichen die Arbeiten teilweise stark von der klassischen Assoziation des Graffitis an Bahnunterführungen und Autobahnbrücken ab: Es darf ohne Frage von Kunst gesprochen werden! Auch die Inszenierung der Exponate im Rohbau mit industriellem Charme überzeugt – wie jedes Jahr. Einer der Schwerpunkte ist diesmal die südamerikanische Kunst.

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Wie könnte man Eindrücke zur Ausstellung besser vermitteln als über Bilder? Egal, was ich dazu schreiben werde, Kunst liegt nach wie vor im Auge des Betrachters und jeder wird ein eigenes Lieblingsstück entdecken, das ich vielleicht nicht einmal fotografiert habe oder das mir in den verwinkelten Gängen und versteckten Räumen sogar entgangen ist. Das Ausstellungsgelände umfasst 100.000qm im Innen- und Außenbereich.

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Das wohl populärste Stück der Ausstellung, ein „echter Banksy“ hat mich beispielsweise so sehr zum Grübeln und auch ehrfürchtigen Staunen gebracht, dass ich glatt vergaß ein Foto zu machen. Um die klassisch mit Schablonen gesprühte Maria-Interpretation zu sehen, müsst ihr also wohl selbst in der Hütte vorbeischauen. Insgesamt haben 100 Künstler aus 17 Ländern sich selbst in festen – also auf dem Gelände der Hütte verbleibenden – oder mobilen Werken verewigt. Darunter finden sich Größen wie Jack Aerosol, Vermibus und Shepard Fairey, aber auch unbekanntere Namen.

Hier (erstes Bild der Reihe) seht ihr beispielsweise eines der Kunstwerke von Vermibus, der in Nacht-und-Nebel-Aktionen Werbeplakate in Innenstädten aus ihren Schaukästen entfernt, sie mit Lösungsmittel bearbeitet und wieder zurückhängt. Man möchte eine Konsumkritik interpretieren, gerade bei Plakaten, auf denen neben den scheinbar ihrer Haut beraubten Models noch die Modemarken der Kleider oder Handtaschen erkannt werden können. Zwischen den künstlerischen Arbeiten, deren Intention dem Betrachter teils verborgen bleibt, teils Interpretationsfreiraum lässt, stehen auch eindeutigere Werke zu politischen Themen.

Beim Besuch der Ausstellung können dem geübten Kritiker jedoch auch Zweifel kommen. Das Beitragsbild dieses Posts, „Ohne Titel“ von Jace, thematisiert eben diese Gedanken, die ich bei aller Begeisterung für die Urban Art Biennale trotzdem anführen möchte.

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Hier wird eine Waagschale gezeigt, die sich genau genommen zwischen zwei Welten bewegt. Auf der linken Seite können Elemente aus der „traditionellen“ Streetart erkannt werden: Beißzangen, zum Öffnen von Zäunen und abgesperrten Bereichen. Spraydosen, Anzeigen und die darauf möglicherweise folgenden Handschellen: Die Kunst der Straße als Verstoß gegen Gesetze, als Auflehnung gegen Regeln und als Medium zur Artikulation von Gesellschaftskritik – auf nicht immer legalem Wege. Die rechte Seite der Waagschale zeigt Ruhm und Reichtum, Anzugträger beim Champagnertrinken, eine Krone, der beschwingte Pinsel neben flatternten Geldscheinen und Kunstpreisen. Dazwischen steht Gouzou, alter ego des Künstlers, dessen Kopf sich hin- und herdreht. Man muss kein großer Kunstinterpret sein um die Kritik dieses Werkes zu erfassen: Ist Streetart noch „real“? Hat sie ihre Wurzeln vergessen, da die Öffentlichkeit nun Interesse an dieser Kunstform zeigt, sie modern und „en vogue“ ist? Wird damit die Intention verfehlt und lassen sich die Künstler vom schönen Leben locken? Vermutlich ließe sich zu diesen Fragestellungen lange diskutieren.

Ich möchte damit schließen, dass ich persönich mich sehr darüber freue, dass diese lange anonym gebliebenen Künstler nun den Beifall bekommen, den sie und ihre hohe Kunst verdienen. Der bittere Nachgeschmack von Jaces Darstellung ist zwar durchaus angemessen und sehr zeitgemäß, schmälert jedoch nicht den Reiz dieser sehenswerten Ausstellung.

 

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