Höher, schneller, Weiterbildung

Nachdem das erste Master-Semester nun hinter mir liegt und sich langsam ein Rhythmus einstellt, möchte ich euch heute eine Weisheit mit auf den Weg geben, für deren Erkenntnis ich selbst ziemlich lange gebraucht habe.

Mein Bachelorstudium, Historisch orientierte Kulturwissenschaften an der Universität des Saarlandes, habe ich tatsächlich in der Regelstudienzeit von drei Jahren beendet, wobei ich das letzte Semester kaum noch an der Uni, sondern lediglich mit dem Schreiben der Bachelorarbeit verbracht habe. Schon zu Studienbeginn wurde uns ein solcher Plan als Utopie vorgestellt. Für mich war klar, dass ich den Zeitrahmen einhalten werde. Ich bin sehr zielstrebig und strukturiert, hatte meinen Studienplan für die bevorstehenden Jahre bis zum Abschluss bereits im ersten Semester durchdacht und wollte nicht unnötig viel Zeit an der Uni verlieren. Zugegeben, eine Portion Glück war auch dabei. Was für Außenstehende oder Studienanfänger möglicherweise erstrebenswert klingt, wird bei allen erfahrenen Studenten eher ein Kopfschütteln mit verdrehten Augen hervorrufen: Was für eine schwachsinnige Idee!

In unserer Gesellschaft sind die beruflichen Anforderungen bereits für Neueinsteiger sehr hoch. Selbst ein gelungener Studienabschluss ist nicht mehr als eine Zahl auf dem Papier. Stattdessen werden Auslandserfahrungen, Fremdsprachenkenntnisse, Zertifikate, ehrenamtliche Tätigkeiten, Praxiserfahrung und zahlreiche, belegte „Soft Skills“ erwartet. Die Maxime „höher, schneller, weiter“ scheint sich vom Leistungssport als primärem Anwendungsbereich ausgedehnt und die Karrierewelt eingenommen zu haben. Nebenbei erwähnt: Die Studierenden arbeitet gemeinhin parallel zum Studium, um es überhaupt finanzieren zu können, absolvieren Praktika, schreiben in der von Außenstehenden oft als „Ferien“ fehlinterpretierten vorlesungsfreien Zeit Klausuren und Hausarbeiten und versuchen zudem politisch, kulturell und gesellschaftlich interessiert und engagiert zu agieren. Von Sport, sozialem Umfeld und Schlaf ganz zu schweigen. Das hier soll kein Klagelied einer gequälten Studentin werden. Denn trotz dieser Hürden studiere ich leidenschaftlich gerne. Ich möchte hingegen einen geläufigen Irrglauben berichtigen:

Bildung eignet man sich längst nicht mehr alleine in Bildungseinrichtungen an und menschliche Kompetenz zahlt sich – sowohl im Privat- als auch im Berufsleben – viel mehr aus als Fleißpunkte aus einem Word-Kurs (den man ja doch nur belegt, um ein Zertifikat zu bekommen. Denn wie man Word bedient, weiß heutzutage nun wirklich jeder). Ein guter Arbeitgeber – und nach dem suchen wir doch letztlich alle – reduziert die Person hinter der Bewerbung nicht auf ihren Lebenslauf. Zumindest ist das der Trend, dem viele moderne und junge Unternehmen folgen. Gerade als Geisteswissenschaftler*innen sollten wir uns diesen kleinen Vorteil gegenüber all den BWLern und MINT-Studierenden da draußen bewusst machen: Bewerbt euch nicht in übergroßen Spitzenunternehmen, in denen ihr nur eine Nummer im Assessment Center seid und bei extra stressigen Tests eben beabsichtigt höher, schneller und weiter als eure Mitbewerber kommen sollt. Überzeugt mit Persönlichkeit und Individualität!

Und um doch noch auf die Bildungseinrichtungen zurückzukommen: Stopft euren Stundenplan nicht voll mit Seminaren, die euch nicht interessieren. Ihr lernt deutlich mehr, wenn ihr freiwillig und vor allem gerne zusätzliche Bücher zum Thema lest oder passende Ringvorlesungen besucht. Quält euch nicht in die eine Vorlesung, die gerade in den Stundenplan passen würde. Ich weiß, es ist die bekannte Leier. Aber lasst es euch heute mal von einer gesagt sein, die (endlich) aus ihren eigenen Fehlern gelernt hat und sich nun auf ein ertragreiches Master-Studium freut, das definitiv länger als vier Semester dauern wird.