Saarbücken in der Identitätskrise – Zwischen alternativer Subkultur und organisiertem Wahnsinn

Da ist man nicht einmal vier Wochen weg und schon hat die Stadt Saarbrücken den nächsten Streich ausgeheckt: Der neue Gentrifizierungsplan für das Osthafen-Quartier reiht sich ein in die Zerstörung jungen Charmes und alternativer Szene. Ich als Wahl-Saarbrückerin habe in dieser Stadt bisher tatsächlich das „kleine Berlin“ gesehen, doch nun scheint auch die Politik diesem Vorbild nachzueifern: Ganz nach dem Motto „Hallo Kreuzberg“ sollen bald Luxuswohnungen statt bezahlbarem Wohnraum, englischer Rasen statt Natur und Möbelhaus statt Industriekultur den Osthafen prägen.

Anfang des Jahres hat die Landeshauptstadt Saarbrücken fünf Teilnehmer zu einem „städtebaulichen Ideenwettbewerb“ eingeladen, um die zukünftige Gestaltung des Osthafen-Quartiers zu besiegeln. Am 07.09. wurde nun der Sieger gekürt. Ganz abgesehen von dem katastrophalen Inhalt des Gewinnerentwurfs, auf den ich gleich zu sprechen kommen werde, ist selbst die Methode dieser Vorgehensweise schon scharf zu verurteilen: Die Saarbrücker*innen – Menschen, die hier geboren wurden, Menschen, die hier Steuern zahlen, Menschen, die hier arbeiten und studieren und die somit alle sowohl Wirtschaft als auch Kultur prägen und leben – wurden mal wieder nicht miteinbezogen. Statt einer öffentlichen Ausstellung, die sich bei einem „Ideenwettbewerb“ doch mehr als angeboten hätte, werden die am stärksten Betroffenen nur vor ein bereits beschlossenes Endergebnis gestellt. Ein Armutszeugnis!

Nun jedoch zum Inhalt dieser wahnsinnigen und zugleich als Sieger prämierten Idee.

Visualisierung Osthafen

© HDK Dutt & Kist GmbH/architecture + aménagement

In der Pressemitteilung der Landesregierung triumphiert Baudezernent Prof. Heiko Lukas: „Der Siegerentwurf überzeugt unter anderem damit, dass er am Osthafen langfristig einen Ort für kulturelle Aktivitäten und Initiativen schaffen will. Dem Konzept zufolge sind in den Räumen des Rhenania-Gebäudes neben Veranstaltungen und Gastronomie auch Ateliers, Werk- und Proberäume, Coworking Spaces und Wohnen denkbar.“  Diese Aussage – und auch die Idee selbst – sind an Schwachsinn kaum zu überbieten. Das Silo, Herz des alternativen Nachtlebens, etablierte sich bei allen Liebhabern nicht dadurch, besonders „hip“ sein zu wollen. Außerhalb des Stadtkerns liegt ein Ort, an dem ungestört gefeiert werden kann. Wie schön, dass dies erhalten bleiben soll. Doch was werden die wohlbetuchten Besitzer der angedachten Loft-Wohnungen tun, wenn noch zum Sonnenaufgang der Bass die Luft zum Vibrieren bringt? Selbst im Nauwieser Viertel beschweren sich Anwohner über nächtliche Ruhestörungen.

In Berlin ist das Thema „bezahlbarer Wohnraum“ – zumindest den Plakaten nach zu urteilen – gerade eines der wichtigsten Wahlkampfthemen. Auch in Saarbrücken herrscht Wohnungsknappheit. Doch dieses Problem wird sicher nicht durch exklusive Loftwohnungen gelöst. Ganz davon abgesehen, dass das bereits vor dem Ergebnis des Ideenwettbewerbs bewilligte Möbelhaus mit überdimensionaler Parkfläche wohl weder für neureiche Hipster noch für das subkulturelle Klientel des Silos ein beliebter Nachbar sein wird. Darüber hinaus bin ich gespannt, was wohl so ein Atelier oder Proberaum für die aus der Stadt vertriebenen jungen Kreativen an Miete kosten wird, nachdem doch das komplette Gebäude plus Umgebung erst mal aufwändig saniert werden müsste.

Während im „Garten“ des Weltkulturerbes Völklinger Hütte die Verschmelzung des industriellen Bauwerks mit der sich frei ausbreitenden Natur zahlreiche Besucher fasziniert, sollen ähnliche Zustände in der Landeshauptstadt nun unterbunden werden. Zwar wolle man das Naturschutzgebiet bewahren, doch wie SR.de berichtet, sollen „die Ufer am Osthafen terrassiert werden“, die dazu eingespielten Bilder (siehe Link, aktueller Bericht vom 07.09.2017, ab Minute 11) lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Das alles hat nichts mehr mit alternativer, junger, urbaner und kultureller Szene zu tun (Begriffe, die bunt gemischt von denen benutzt werden, die offensichtlich keine Ahnung davon haben) sondern wird zu einer zweiten „Stadtmitte am Fluss“. Saubere Biergärten und eine hübsche Promenade gibt es in Saarbrücken schon. Warum also die Gebiete, die sich selbst entwickelt haben und genau deshalb so urban sind, auch noch von oben einnehmen und verändern?

Visualisierung Osthafen

© HDK Dutt & Kist GmbH/architecture + aménagement

Auch von objektiver Presse oder kritischer Berichterstattung keine Spur. Nicht mal die BILD Saarland traut sich zu wettern, alle titeln friedlich im Chor „So schön könnte der Osthafen werden“ (weitere Quellen am Ende des Beitrags). Es scheint, dass selbst die Kommentatoren unter den Veröffentlichungen bei Facebook über mehr Verstand verfügen als die Pressevertreter und Politiker, die nun nur noch auf spendierfreudige Investoren warten.

Ich liebe Saarbrücken, sonst würde ich nicht hier wohnen. Es ist außerdem nicht mein Ziel alles schlechtzureden. Aus kulturgeographischer Sichtweise ist dieses Projekt durchaus spannend zu beobachten – auch wenn der Bau eher Jahrzehnte als Jahre in Anspruch nehmen wird. Ewiger Leerstand und Verfall sind auch keine Lösung. Und wenn ich selbst in anderen Städten unterwegs bin, suche ich vermutlich genau solche Viertel, in denen die junge Szene kreativ arbeitet, lebt und feiert. Doch was hier in Saarbrücken fernab des Willens der Bürger*innen auf oberster Ebene entschieden wird, macht mich zugleich traurig und wütend.

Ähnliche Entwicklungen zeigten sich ebenfalls in den vergangenen Tagen: Die legale Graffiti-Fläche am Staden beispielsweise wird aktuell ja auch nicht von denjenigen besprüht, die gerade Lust darauf haben. Bestehende Kunstwerke regionaler Newcomer werden überpinselt und mit einem Festivalauftakt unter dem Stichwort „Urban Art Meeting“ mit zeitgleichen Ausstellungseröffnungen und massentauglichen Workshops die organisierte Neugestaltung gefeiert. Am Abend wird die After-Jam-Party dann wieder ins (noch) alternative Silo gelegt (der Kreis schließt sich), wo „getanzt, geplauscht und gefeiert“ wird (Zitat Saarbrücker Zeitung, 18.08.2017, siehe Link). Ich bin ein großer Fan von Urban Art, auch wenn ich die Kommerzialisierung in Diskrepanz zur eigentlichen Protestkunst eher kritisch sehe. Mir ist auch bewusst, dass ein solches Künstler-Zusammentreffen nicht zum ersten Mal stattfand. Vermutlich wäre ich sogar hingegangen, wäre ich Zuhause gewesen. Doch warum müssen das Kulturamt der Stadt Saarbrücken, die Sparkasse Saarbrücken und Villa Lessing dort ihre Finger im Spiel haben? Warum wurde die Mauer 2002 vom Stadtverband (heute Regionalverband) Saarbrücken und dem saarländischen Wirtschaftsministerium eingeweiht? Warum können die Künstler nicht einfach frei, wann und wie es ihnen beliebt, die Mauer gestalten? Weil Planung und Imagebildung der Stadt hier wohl an oberster Stelle stehen. Entsprechend ist meiner Meinung nach auch die entstandene Kunst inhaltlich (ich maße mir nicht an über Methodik bzw. das künstlische Know-How zu urteilen) eher flach.

Auch wenn euch die Vergleiche mit Berlin, die ganz ohne Frage hinken, da die Hauptstadt deutlich mehr Potenzial und Seele besitzt, vielleicht schon nerven: Warum zieht es so viele jungen Menschen ins Herz unseres Landes? Wird die alternative Szene dort von der Politik bestimmt, von Stadtplanern verortet oder mit Einzelhandel und Wirtschaft kombiniert, wie Oberbürgermeisterin Charlotte Britz in der Pressemitteilung für den saarbrücker Fall so stolz erwähnte? Nein. Wenn der freien Entwicklung städtischer Gebiete die Luft zum Atmen genommen wird, werden die kreativen Menschen sich neue Räume suchen und alle ach so gut durchdachten Pläne durchkreuzen.

Visualisierung Osthafen

© HDK Dutt & Kist GmbH/architecture + aménagement

 

Bildquellen:

HDK Dutt & Kist GmbH/architecture + aménagement

Quellen:

Pressemitteilung der Landeshauptstadt Saarbrücken, 07.09.2017

SR.de, 07.09.2017

BILD Saarland, 07.09.2017

sol.de, 08.09.2017

Saarbrücker Zeitung zum Osthafen, 07.09.2017

Saarbrücker Zeitung zum Urban Art Meeting, 18.08.2017

Focus.de zum Urban Art Meeting, 16.08.2017

 

 

 

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