Die Kulturwissenschaften – Gedanken zum Semesterstart

Mitte Oktober, das neue Semester an der Universtität des Saarlandes beginnt, und die Geister scheiden sich: Die klassischen Studierenden sitzen zwischen den Stühlen, durchleben den halbjährlich wiederkehrenden Zwiespalt zwischen Abschiedsschmerz von Bett und Netflix-Konto und der aufsteigenden Abendteuerlust auf einen kleinen Neubeginn. Sicher, spätestens beim ersten frühmorgendlichen Seminar, das im Winter umgeben von Kälte und Dunkelheit nicht die geringste Chance auf begeisterte, kluge Köpfe hat, wird die Motivation wieder verfliegen. Doch bis dahin pilgern aufgeregte Erstis neben Altstudenten, das Ziel des Studienabschlusses fest im Blick, über den herbstlichen Campus. Für mich bedeuter der Start ins Semester vor allem die Rückkehr des strukturierten Alltages und die Hoffnung auf Weiterbildung – denn mein Studium verleiht mir im Zuge des noch in der Ferne liegenden Abschlusses nicht nur einen Titel, sondern auch ein breit aufgestelltes, auf die Berufswelt vorbereitetes Image.

Wofür mein Studium eigentlich steht und wie es sich mit meiner Selbstständigkeit als freiberufliche Texterin kombinieren lässt, erfahrt ihr im heutigen Blogpost.

Das Märchen vom geregelten Alltag

Gerade noch habe ich ihn gelobt, den strukturierten Rhythmus, der mit dem Studienstart Einzug in mein Leben hält. Und jetzt muss ich ihn schon wieder nihilieren. Denn eines haben mein Studium und die Selbstständigkeit gemeinsam: Den klassischen 9-to-5-Plan gibt es nicht. Versuche ich beispielsweise einen Termin mit jemandem zu vereinbaren, so beginnt die Antwort auf die klassische Frage „Wann würde es Ihnen denn passen?“ meist mit folgenden Worten „Also am Montag könnte ich nach 16 Uhr, am Mittwoch zwischen 10 und 14 Uhr und donnerstags eher morgens. Aber nicht diese Woche! Da wäre Freitag sogar besser“. Zu meinem großen Glück entsteht mein Stundenplan in Eigenregie. Durch die vielfältigen Wahlmöglichkeiten zwischen Fächern, Modulen und Veranstaltungen wäre ein allgemeingültiger Plan wie es ihn oft in naturwissenschaftlichen Fächern gibt, garnicht möglich. Neben der darin begründeten Freiheit, die mir gerade aus beruflicher Sicht sehr gelegen kommt, verbrigt sich jedoch auch ein hohes Maß an Verantwortung und nötigem Organisationstalent. Denn wenn sich die beliebtesten Seminare überschneiden, teilsweise aber nur im Wintersemester angeboten werden und man aufgrund mangelnder hellseherischer Fähigkeiten noch nicht absehen kann, ob im Folgejahr nicht vielleicht auch wieder Überschneidungen auftreten werden, gleicht der Abschluss in Regelstudienzeit einem Hochseilakt.

So befinde ich mich nun also in der glücklichen und fordernden Situation, selbst über die Struktur meines Alltags bestimmen zu können und mich zwischen den festen, studentischen Rhythmen (Semesterstart – Vorlesungszeit – Klausurzeitraum – Hausarbeitenphase und mit viel Glück ein bis zwei Wochen Semesterferien) recht frei zu bewegen. Das im Bachelor erlernte Organisationstalent kommt auch meiner freiberuflichen Tätigkeit zu Gute, denn ich kann Auftragslage und Terminabsprachen mit Kunden gekonnt entlang des Semesterkalenders leiten und so die vereinbarten Fristen stets einhalten. Und so entsteht eben doch eine Planung, die meinen Alltag strukturiert. Neben dem zeitlichen Aspekt beeinflussen aber auch meine Studieninhalte das Denken und Schreiben von Blocksatz.co.

Master of Arts – Angewandte Kulturwissenschaften

Wie gestaltet sich nun aber mein Studium und was verbirgt sich hinter dem Begriff „Kultur“, der je nach Auslegung ja nahezu alles bedeuten kann – vom mittelalterlichen Vers in althochdeutscher Sprache bis hin zur Rechtfertigung rechtspopulistischer Rassismusparolen in unserem gesellschaftlichen Alltag? Angelehnt an den deutschlandweit einzigartigen Bachelor-Studiengang Historisch orientierte Kulturwissenschaften steht auch im zugehörigen Master eine riesige Fächerauswahl zur Verfügung, aus der sich jede*r Student*in nach eigenen Interessen bedienen kann. In meinem Fall sind für den Master die Literaturwissenschaft, die Neuere und Neueste Geschichte und die Philosophie übrig geblieben, Themenfelder die meiner Meinung nach wichtige Grundpfeiler verschiedener Kulturen bilden und von deren Inhalten ich mir selbst einen möglichst hohen Mehrwert verspreche. Umrahmt werden die zu den Kernfächern gehörenden Seminare, Vorlesungen und Übungen durch Pflichtveranstaltungen, die beispielsweise in das Kulturmanagement, das Projektmanagement oder die Kulturtheorie einführen. Klingt noch ziemlich theoretisch? Nicht ganz! Denn gemäß des Titels „angewandte“ Kulturwissenschaften gibt das breite Angebot an Praxiskursen Einblicke in das spätere Berufsleben und mischt die Akteure der aktuell in Saarbrücken und Umgebung agierenden Kulturbetriebe unter die Lehrbeauftragten der Uni. Wem das noch immer zu nichtssagend ist, dem seien hiermit ein paar inhaltliche Beispiele an die Hand gegeben, mit denen ich mich im kommenden Semester beschäftigen werde:

Ethics of Migration, Einführung in die Theaterwissenschaft, Literatur der Europäischen Aufklärung, Einführung in den Online- und Zeitungsjournalismus, Projektmanagement – Ausstellungsorganisation

Und was macht man später damit?

Die Frage, der sich jede*r HoKler*in und darüber hinaus meist auch jede*r andere Geisteswissenschaftler*in stellen muss, ist die der beruflichen Zukunft. Ich könnte jetzt die Berufsfelder aufzählen, die von der zentralen Studienberatung und der Koordinationsstelle unseres Studienganges aufgelistet werden:

  • Kulturtourismus
  • Event- und Freizeitmanagement
  • journalistische, gestalterische und publizistische Tätigkeiten im Medienbereich
  • Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Werbebranche
  • (inter-)nationaler Kultur- und Bildungsaustausch
  • Archiv-, Bibliotheks- und Verlagswesen
  • Organisations- und Managementaufgaben in Kulturpolitik, -verwaltung und -vermittlung

Nachdem ich jedoch nach ausschweifenden Erklärungen und optimistischen, wenn nicht utopischen, möglichst viel versprechend klingenden Zukunftsvisionen noch immer in die ahnungslosen Gesichter meiner Großeltern blickte, versuche ich es mittlerweile mit einer anderen Antwortmöglichkeit. Und die würde ich genau in dieser Form auch jedem Kritiker oder künftigen Arbeitgeber selbstbewusst entgegenbringen wollen.

Nachdem ich zu Beginn des Studiums den Höhenflug des „Ihr könnt mit einem Bachelor in Kulturwissenschaften eigentlich alles machen“ glaubte und naiv unbedarft vor mich hin studierte und nachdem ich in meiner Pessimismusphase glaubte, auf dem Arbeitsmarkt nie eine Chance zu haben, da es fürs Marketing Marketing-Studierende gibt und für das Verlagswesen die Buchwissenschafts-Studierenden Schlange stehen und selbst fürs scheinbar naheliegende Kulturmanagement eben Kulturmanagements-Studierende bevorzugt würden, weiß ich heute recht genau was ich kann: Ich habe gelernt komplexe Sachverhalte zu erfassen, sie kritisch zu hinterfragen, sie geistig zu sezieren und von verschiedensten Standpunkten zu durchleuchten. Zugegeben, in Fächern wie beispielsweise Literaturwissenschaft fällt mir natürlich auf, dass ich nicht die gleichen fachspezifischen Kenntnisse habe wie die Germanisten oder Komparatisten. Aber ich kann mich auf meine Recherche-Fähigkeiten verlassen, Lücken selbstständig aufarbeiten und neue gedankliche Impulse einstreuen, die von einer anderen Sichtweise inspiriert sind.

Als ich vor zwei Wochen einen Workshop des Zentrums für Schlüsselkompetenzen besuchte, in dem Studierende verschiedenster Fachrichtungen gemeinsam lernen und Wissen erarbeiten, ging es darum in kürzester Zeit eine Definition zum Begriff „Medienkompetenz“ zu erarbeiten. Ohne angeben zu wollen, brachte die Lösung meines (zufällig auch Kulturwissenschaft studierenden) Arbeitspartners und mir die restlichen Anwesenden zum Staunen und wurde vom Übungsleiter als die „Musterlösung“ bezeichnet, ergänzt von dem Satz „Keine Sorge, wenn eure Ausarbeitung jetzt nicht so klingt. Das sind Kulturwissenschaftler, die sind darauf programmiert, sowas zu leisten“. Und tatsächlich: Es fiel uns leicht, die verschiedenen Bestandteile zu differenzieren, unsere Gedanken aber trotzdem zu sammeln, nicht ausufern zu lassen und das ganze dann in kürzester Zeit strukturiert zu verschriftlichen. Genau dieser Aspekt vereinfacht mir auch mein freiberufliches Schreiben und die Arbeit mit meinen Kunden. Ich als Außenstehende erkenne die Besonderheiten, erfasse die Konzepte und bringe sie verständlich und auf den Punkt gebracht in eine ansprechende Schriftform.

Darüber hinaus ist es mir möglich das Geschehen um mich herum, in dieser politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich komplexen Welt vielleicht nicht auf Anhieb zu durchdringen, doch ich weiß die richtigen Fragen zu stellen. Ich urteile nicht vorschnell. Geisteswissenschaftler*innen sind tatsächlich – natürlich mit Berücksichtigung der persönlichen Stärken und Präferenzen – für all die oben aufgezählen Berufsbilder geeignet und darüber hinaus ein Gewinn für die Gesellschaft, die auf eben diese kritischen und interdisziplinär arbeitenden Köpfe angewiesen ist – heute mehr denn je.