„Tourist, go home!“ – Über die Arten des Reisens und ihre Konsequenzen

Es wird viel geschimpft über den Menschen in seinem aktuellen Habitus. Die Rede ist von Konsumgesellschaften, Umweltverschmutzern und Klimasündern. Die mahnenden Zeigefinger erheben sich in Richtung Industrie und Handel, die „Big Player“ sind Schuld! Wegen Nestlé verdursten Menschen, VW zerstört unser Klima und in den eigentlich leidtragenden Entwicklungsländern ist der Verzicht auf Plastik längst noch kein Thema, während wir Gutmenschen uns darüber aufregen, wenn eine Salatgurke in Plastik verpackt ist. Doch wenn es uns selbst an den Kragen gehen soll, wird es schnell still um die weltverbesserischen Intentionen.

Wir alle lieben unsere Freiheit. Die meisten sind damit aufgewachsen, manche erleben sie als Errungenschaft, doch niemand will sie gänzlich aufgeben. Neben dem Ruf nach geschlossenen Grenzen, die die Einreise kontrollieren, soll die eigene Möglichkeit zum (Aus-)Reisen unangetastet bleiben. Wir durchwandern oder überfliegen die Welt und fühlen uns dabei ganz bourgeois, gebildet, wie einst schon der Urvater aller Reiseblogger: Johann Wolfgang von Goethe. Des Menschen scheinbar liebstes und nicht weniger kostspieliges Hobby zieht jedoch seine Folgen nach sich – von der*vom Partyurlauber*in bis hin zur*zum chamäleonartigen Individualtourist*in.

Wohin ging deine letzte Reise?

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Urlaubsidylle in Lloret de Mar

Pauschaltourismus – Cluburlaub auf Malle, Lloret oder am Goldstrand

Während unsere Großeltern und Eltern sich vielleicht noch daran erinnern in den 60ern mit dem Auto nach Italien gefahren zu sein, so ist unsere Generation bereits an das Fliegen gewöhnt. Der Tourismus der 90er definiert sich über Billigfluggesellschaften, Reisekataloge und das All-Inclusive-Rundum-Sorglos-Paket. Das städtische Reisebüro wird zwar zunehmend von Online-Portalen zur Flug- und Hotelbuchung abgelöst, doch der organisierte Urlaub erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit. Und auch die Sorgen über das wenig nachhaltige Fliegen zum „Knaller-Preis“ halten sich in Grenzen. Wer früher noch die Sonne in Ägypten, Tunesien und der Türkei genoss, steigt heute aus nachvollziehbaren Gründen auf europäische Ziele um. Und so wird es in Spanien oder Griechenland plötzlich eng in den Sommermonaten. Während der Deutschen liebste Insel schon immer gut besucht war, kamen dieses Jahr erste Klagen auf. Dabei geht es weniger um die Familienurlauber*innen, die sich am Pool zwischen den an Wolkenkratzer erinnernden Bettenburgen zum Sonnenaufgang ihre Liege reservieren und diese erst beim Gang zum abendlichen Buffet wieder freigeben. Denn die Hotels wurden nicht von Touristen errichtet! Diese Besucher*innen spielen den Urlaubsregionen perfekt in die Karten. Sie finanzieren den Tourismussektor, sind für die Einheimischen jedoch eher keine Bedrohung. Wenn sie einen geführten Ausflug in eine der umliegenden Städte buchen, so bewegen sie sich auch dort – metaphorisch gesprochen – meist auf den künstlich angelegten, touristischen Pfaden.

Nein, es sind die Partyurlauber*innen, die den Städten Sorgen bereiten. Und auch bei Umfragen im Herkunftsland der ausgelassen Feiernden trifft man oft auf „Fremdschämen“ für das Benehmen des eigenen Volkes am Goldstrand und Co. Auf Mallorca ist seit diesem Jahr der Alkoholkonsum am Strand verboten. Man könnte sich dazu fragen, ob es tatsächlich besser ist die feierwütigen Tourist*innen in den Bars und Diskotheken abzufüllen und sie dann auf die Straßen und an die Strände zu entlassen. Aus wirtschaftlicher Sicht sind die Getränkepreise dort vermutlich auch höher und demnach das ganze Unterfangen rentabler als beim Kauf von Sangria und dazugehörigen Eimern am Kiosk. Meinungen stehen sich gegenüber: Soll der Tourismus, an dem gerade Mallorca doch so gut verdient, tatsächlich des Anstandes wegen in seine Schranken gewießen werden? Und andererseits: Warum nimmt man die Reise(-kosten) auf sich, wenn man sich im Rückblick auf den Urlaub doch nur noch an den am Strand ausgeschlafenen Kater erinnern kann? Und letztlich die wohl philosophischste Frage von allen: Ist es nicht jeder*jedem selbst überlassen, was sie*er mit ihrer*seiner freien Zeit und ihrem*seinem Geld anfängt, wenn die Reisezeit ruft?

 

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Eine Kreuzfahrt nach Venedig – ©dpa/Andrea Merola

Nur ein kleiner Citytrip – Venedig, Dubronik, Amsterdam

Angesehener sind da die Städtereisenden. Bereits in den Schulen werden die abenteuerlustigen Teenager*innen nach London und Paris verfrachtet – Bildungsreisen, nennt die Schule dieses Unterfangen. Nicht nur die Sprachen dieser Länder, auch deren Kultur und Gesellschaft soll bekannt gemacht werden. Prinzipiell eine Absicht, gegen die nichts einzuwenden ist. Interkulturelle Kommunikation gilt in unserer globalisierten Welt mittlerweile sogar als Schlüsselkompetenz, das Wissen über die Gepflogenheiten anderer Länder nicht nur als Werbegag von Reiseunternehmen, sondern in diversen Situationen tatsächlich als förderliches Gut zum sozialen Austausch. Die Popularität dieser Art des Reisens bringt jedoch nicht erst, aber doch verstärkt in den letzten Jahren eine starke Gegenbewegung in Gang. Auch die Städte profitieren aus finanzieller Sicht vom Tourismus. Doch zu welchem Preis? Die arte-Dokumentation „Tourist go home! Europäische Sehnsuchtsorte in Gefahr“ beleuchtete eben diesen Aspekt und gab den Protestierenden eine Stimme.

Wusstest du, dass Dubrovnik, der Ort an dem unter anderem Star Wars und Game of Thrones gedreht wurden, eine Obergrenze für die täglichen Touristenströme einführen musste, da sonst bei einem Brand die Stadt durch ihre geschichtsträchtigen Tore nicht rechtzeitig evakuiert werden könnte?

Wusstest du, dass all die Fotografen, die die romantische Idylle in Venedig festhalten entweder große Geduld beweisen oder sehr früh aufstehen müssen, da jedes Jahr rund 30 Millionen Menschen die Lagunenstadt besuchen – aber nur wenige auch dort übernachten? Viele reisen mit Kreuzfahrschiffen an, die laut Stimmen der Demonstrant*innen die Stadt gefährden. Die kleinen Kanäle seien nicht in der Lage, die so in Wallung geratenen Wassermassen abzuleiten, sodass diese gegen die Mauern der Häuser drücken und die Bausubstanz gefährden.

Wusstest du, dass Einheimische und lang eingesessenen Anwohner*innen in Amsterdam oder Barcelona keinen Wohnraum mehr zur Verfügung steht, da Investor*innen ganze Komplexe aufkaufen, diese für Tourist*innen aufbereiten und auf Portalen wie AirBnB zur Miete anbieten? Selbst in Berlin entstehen bereits Gesetze, die diese Entwicklung aufhalten sollen. Doch oft trifft es auch die Kleinen, die tatsächlich ihre eigene Wohnung untervermieten, während sie selbst auf Reisen sind: Diese eigentlich nachhaltig denkende Praktik, die der Sharing-Economy entspringt, findet in der Ausnutzung und den scheinbar in guter Absicht erlassenen Paragraphen ein jähes Ende. Die bösen Blicke der Nachbar*innen treffen jedoch seltener die Investor*innen, als die anreisenden Tourist*innen. Auf Straßen und Wände gesprühte Parolen wie „Your tourism kills my neighbourhood“ trüben die Urlaubsstimmung. Jetzt schnell den Reiseführer wegpacken und bloß nicht auffallen!

Wusstest du, wie oft wir durch unser Verhalten, unsere Kleidung oder unsere eigene Kultur die Gastgeber verärgern und deren Glauben oder Gewohnheiten mit Füßen treten – ohne es überhaupt böse zu meinen?

 

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Mit dem Rucksack in Richtung Kulturschock

Rucksackreisen und Individualtourismus – Marokko, Peru und Thailand

Wir wissen es doch besser, oder? Wenn wir schon Mallorca besuchen, erkunden wir auf eigene Faust im Leihwagen die abgelegensten Ecken der Insel und umfahren großflächig den Ballermann und seine Ableger. Und wenn wir einen Städtetrip buchen, reisen wir mit dem Zug oder dem Bus an, nicht mit dem gefährlichen Großraumdampfer. Dabei wollen wir uns ja auch nur ganz kurz die architektonischen Touristenmagnete ansehen, ein schnelles Erinnerungsfoto schießen und dann im bunten Treiben der Einheimischen verschwinden und mit der Kultur verschmelzen. Wer möchte schon dort Urlaub machen, wo die deutsche Sprache allgegenwärtig zu vernehmen ist und wo auf Touristen eingestellte Souvenirverkäufer uns das Geld aus der Tasche ziehen? Wir sind Individualtouristen!

Am liebsten reisen wir minimalistisch, mit nur einem Rucksack, der besonders praktisch für unsere ständige Bewegung ist. Denn wir wollen auch nicht am Strand rumliegen oder uns betrinken – höchstens in den angesagtesten Insider-Locations der Region oder in der menschenleeren Bucht, die wir per Zufall entdeckt haben. Wir verlassen uns auf Ratschläge von Einheimischen, essen in deren Lieblingsrestaurants und schlafen vielleicht sogar auf deren Sofas. Wir durchkämmen das peruanische Hochland, die orientalischen Stadtkerne Marrakeschs und lassen uns gleich für mehrere Wochen in den Regionen Thailands oder Indonesiens nieder, in denen uns das Angebot an hippen, veganen Restaurants und Coffee Shops sowie lässigen Yoga-Gruppen am ehesten überzeugt. Wenn wir nach Hause kommen, erzählen wir von der Gastfreundschaft der Südländer, den dort herrschenden Rechten für Frauen, unübersichtlichem Verkehr und der Armut, die wir gesehen haben. Steht es uns zu über ein Land, ein Volk oder eine Kultur zu urteilen? Sind nicht wir, die wir die Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit suchten, genau diejenigen, die diese Orte zerstören und eben doch zu touristischen Zielen machen?

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Einmal um die Welt, bitte!

Fragen über Fragen! Und was nun?

Sicher ist euch aufgefallen, dass ich für diesen Text die Wir-Perspektive gewählt habe. Dies geschah durchaus bewusst, denn auch ich bin Teil der Generation Y, auch ich bin Teil der reisenärrischen Bewegung. Sicher sind meine Beispiele absichtlich plakativ gewählt, Mischformen nicht ausgeschlossen. Zählt Amsterdam durch den legalen Drogenkonsum und das populäre Rotlichtviertel nicht eher in die Kategorie der Partyreiseziele? Buchen nicht auch Backpacker AirBnB-Wohnungen und sind froh über den dort herrschenden und extra für Auswärtige geschaffenen Luxus, von dem Einheimische nicht mal träumen? Ist der Pauschaltourismus nicht ein Phänomen aller sozialer Schichten und nicht nur der an Kultur und Land uninteressierten Sonnenanbeter?

Früher besuchte ich nahezu jedes Jahr mit meiner Familie die sauberen Clubhotels der Türkei und wir verließen diese lediglich, um den städtischen Basar aufzusuchen oder einen Schiffs- und Wanderausflug unter deutscher Reiseleitung zu erleben. Einige meiner schönsten Kindheitserinnerungen sind in diesen Urlauben entstanden.

Anfang April diesen Jahres bereisten wir Mallorca. Zwar kamen wir lieber auf einer Finca im ruralen Landesinneren unter und näherten uns der Schinkenstraße nicht mal auf Sichtweite. Doch wer einmal am Cap Formentor den Sonnenuntergang bestaunte, die*der weiß auch, dass sie*er auf dem Weg dorthin ca. 100 Radfahrer und 50 Leihwagen überholen musste, aber kaum Einheimische angetroffen hat.

Ich habe in AirBnB-Wohnungen übernachtet und mich am Eiffelturm über die Souvenirhändler*innen geärgert. In meiner digitalen Fotogalerie und nicht zu vergessen in den sozialen Netzwerken finden sich Selfies von mir vor dem Palace of Westminster, dem Berliner Fernsehturm und der Kathedrale in Palma. Und tatsächlich, in meinem Blogpost über unsere diesjährige Berlin-Reise verrate ich selbst meine Lieblingsorte, an denen ich mich als Touristin über die wachsende Besucherschaft aus Tourist*innen aufgeregt habe.

Die Rucksacktouren stehen mir noch bevor. Als grobe Ideen für die Planung der nächsten Reise habe ich außerdem ironischer Weise Inselhopping in Griechenland, einen Roadtrip durch Portugal oder eine Städtereise nach – Überraschung – Marrakesch vorgeschlagen.

Ich bin Gegenstand meiner eigenen Kritik. Und so gerne ich hier zum Ende dieser pessimistischen Ausführung über die wohl schönste Nebensache der Welt – das Reisen – gerne einen klugen Rat darüber loswerden würde, wie wir unseren touristischen Fußabdruck minimieren sollten, ich kann es nicht. Denn auch ich möchte auf meine (Reise-)Freiheit nicht verzichten, nicht noch tiefer in die Tasche greifen müssen und auch meinem bildungselitären Wunsch nach dem Kennenlernen fremden Kulturen keinen Riegel vorschieben. Hat nicht jede*r – unabhängig ihres*seines Heimatortes – das Recht, die Schönheit dieser Erde zu erkunden? Und noch drastischer: Was würde passieren, wenn wir eben nicht mehr reisen würden? Die Reduzierung oder gar das Aufgeben des Tourismus wäre gerade in den von mir am härtesten kritisierten Fällen zudem ein wirtschaftliches Fiasko. Die nordafrikanischen, ehemaligen Urlaubsländer, bekommen dies bereits zu spüren. Schon bald wird die Türkei folgen – ob sie uns diesen Verlust spüren lassen oder die deutschen durch möglicherweise russische Touristen ersetzen wird, bleibt abzuwarten. Der Tourismus ist Teil unseres Alltags, unserer Sehnsüchte und nicht selten Ort von Erholung und Abenteuerlust. Doch wie in allen anderen Bereichen auch stehen wir nun vor einer großen Herausforderung: Unser Verhalten muss nachhaltiger werden!

 

 

 

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