Die Suppenküche in der sparte4 – Zu Gast bei Freunden

Georg Christoph Lichtenberg (ein deutscher Physiker des 18. Jahrhunderts) behauptete einst, die Kultur verschlinge die Gastfreundschaft. Das Saarländische Staatstheater hingegen beweist mit dem neuen Format „Suppenküche“ in der sparte4 das Gegenteil. In Anlehnung an die 2016 ins Leben gerufenen Denkraumwochen zum Thema „Was werden wir werden?“ soll nun – erst experimentell, aber mit Blick auf Weiterführung –  ein Rahmen der Begegnung und die Möglichkeit zum offenen Austausch geschaffen werden – ohne Fachsimpelei, ohne Einstiegshürden, aber dafür mit einem dampfenden Teller Suppe.

In Zeiten unbeständiger, politischer Umstände, gesellschaftlicher Spaltungen und sich individualisierender Zugehörigkeitsgefühle scheint die ganze Welt nur noch aus einzelnen Gruppierungen zu bestehen, die sich in Blasen ihrer eigenen Wahrnehmnungen bewegen. Nahezu Jede*r hat eine Meinung, die in der schützenden Anonymität des Internets schamlos verbreitet werden kann. Man spricht nicht mehr – höchstens mit dem Smartphone. Und selbst wer kritisch denkt und lebt und wirkt, der nimmt kulturelle Angebote wie die des Theaters wahr, betrachtet ein Stück und macht sich im besten Fall auf dem Nachhauseweg seine Gedanken über die Inszenierung und deren Aussagekraft. Dramaturgin Bettina Schuster-Gäb ist das nicht genug. Kultur kann nur als Ort des Austauschs und Theater nur durch Interaktion funktionieren. Bei der Suppenküche wird mit der klassischen „Frontalbeschallung“, bei der die Bühne den Raum zwischen Sender*innen und Empfänger*innen markiert, gebrochen. Die geringe Größe der sparte4 schafft bei jedem Besuch einen nahezu familiären Rahmen. Doch hier verlässt das Theater sein typisches Zeichensystem: Als Außenstehende*r ist vor Beginn der Veranstaltung nicht zu erkennen, wer als Zuschauer*in und wer als Mitwirkende*r gekommen ist. Und auch die Rolle, die man selbst spielen wird, ist noch offen.

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Der erste Abend

Ein Hauch von Experimentierfreude und der Geruch nach deftiger Suppe liegt in der Luft, als ich am Sonntag Nachmittag die sparte4 betrete. Es ist die erste Veranstaltung eines neuen Begegnungs- und Diskussionsformats, bei dem es laut Beschreibung der Initiatior*innen darum gehe, zu „Hocken. [Zu] Reden. [Zu] Sein. Und dabei süppierend [zu] fragen: Welche Realität stimmt denn nun?“

Der erste Abend beschäftigt sich passender Weise gleich mit einem mittlerweile allgegenwärtigen, alle betreffenden und doch scheinbar als elitär verrufenen Thema: Gender. Nach dem Vorbild einer Podiumsdiskussion treffen sich am Tisch Dramaturgin Bettina Schuster-Gäb, Eva Nossem aus dem Bereich der Linguistik an der Universität des Saarlandes, Petra Stein von der Frauen Gender Bibliothek Saar und Nils Bortloff als Mitarbeiter der Fachstelle Antidiskriminierung Diversity Saar. Doch auch das Publikum ist von Anfang an eingeladen, sich frei zu bewegen, am Suppentopf zu bedienen und mit am Tisch auf der sonst den Schauspielern vorbehaltenen Bühne Platz zu nehmen. Mitdenken und bevorzugt auch mitdiskutieren kann jede*r – auch aus dem geschützten Zuschauerraum, bequem im Retro-Kinosessel. Spätestens nach zwei Stunden werden die letzten noch verbliebenen Anstandsbarrieren mit dem formellen Ende der Veranstaltung aufgelöst. Es folgt ein ungezwungenes Come-together, bei dem die angeschnittenen Themen weiter ausgeführt werden können.

Was ist dieses Gender überhaupt?

Der Abend verläuft, als würde man die zur Verfügung stehende Suppe gemeinsam zubereiten: Die Grundzutaten stehen fest und erfahrene Persönlichkeiten stehen wie die lächelnde Großmutter (und nie der Großvater) auf den Seiten des Kochbuchs mit Rat und Tat zur Seite. Was für die Küche gilt, prägt auch das Gespräch: Das mise-en-place zeichnet die Qualität des Endprodukts aus. So werden zuerst die Basics geklärt: Sprechen wir von biologischem Geschlecht und genetischem Material oder befasst sich Gender nur mit gesellschaftlichen Rollenbildern und Stereotypen? Wie viele Geschlechter gibt es überhaupt und warum müssen wir darüber diskutieren, in einem Land, in dem der Feminismus der 1960er zur Ruhe gekommen und Gleichberechtigung ja ohnehin im Grundgesetz verankert ist? Die Expert*innen legen den Grundstock. Doch wie bei jeder guten Suppe sind es die Abweichungen vom Rezept, die kleinen Geheimzutaten und neuen Ideen, die sie zu etwas Besonderem machen. Nach genau diesem Konzept entwickelt sich das Gesprächsthema ganz nach Zutun des Publikums. Warum schenke ich meiner Nichte eine Puppe und rosa Kleidchen und darf ich meinen Sohn an Fasching als Prinzessin in den Kindergarten lassen? Wie sehr beeinflusst es die Selbstwahrnehmung von Schüler*innen, wenn in ihren Schulbüchern nur von „Ärzten, Lehrern und Wissenschaftlern“ die Rede ist, statt von „Ärztinnen und Ärzten, Lehrerinnen und Lehrern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“? Warum haben Männer noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen, wenn sie in Vaterschaftsurlaub gehen wollen? Wie müsste man den Pflegesektor umstrukturieren, um den Überschuss an schlecht bezahlten Frauen zu reduzieren und wäre eine Männerquote hier angebracht? Gibt es einen Generationenkonflikt beim Thema „berufstätige Mütter“? Brauchen wir überhaupt Kategorien, um uns selbst zu finden, oder beschränken diese Schubladen nur unsere individuelle Freiheit? Das Gebiet ist scheinbar unerschöpflich – zwei Stunden vergehen wie im Flug.

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Was bleibt?

Was für mich bleibt, ist ein neuer Anreiz. Der Austausch beflügelt und bereitet neue Wege. Wer sich auf wissenschaftlicher Ebene mit dem Thema auseinandersetzen möchte, kann dies im Rahmen des Gender Studies Zertifikats der Universität des Saarlandes tun. Und wer traurig darüber ist, dass der Abend so schnell vorüberging, der findet beim regelmäßig stattfindenden FeminisTisch der Frauen Gender Bibliothek ein neues Zuhause, um weiter zu sinnieren, über die „Realität[en] des männlichen, des weiblichen, des * Individuums“.

Termin und Thema der nächsten Suppenküche stehen noch nicht fest. Was wird wohl aus dem Format werden? Die Anstürme begeisterer Besucher*innenmassen hielten sich in Grenzen. Es entstand der Eindruck, die ohnehin bereits aktive Gender-Szene habe sich versammelt, ergänzt durch wenige Neuzugänge, die mit viel Interesse und Gastfreundschaft aufgenommen wurden und sich trotz vorheriger Distanz spätestens beim Teilen der Kartoffelsuppe wie zu Gast bei Freunden fühlen konnten. Doch reicht ein netter Abend mit aufgeschlossenen Menschen aus, damit die Intention des Formats Früchte tragen kann? Die Diskussion – oder besser formuliert: der Austausch – verlief engagiert und produktiv, aber reibungslos. Trotz Aufregerthemen und Fragen, an denen sich potentiell hätten die Geister scheiden können, stellten sich die Anwesenden weitestgehend als homogene Masse mit ähnlichen Idealen und Zielen heraus. Kein seltenes Bild im Rahmen einer von kulturellen Institutionen ins Leben gerufenen Veranstaltung. „Vielleicht sollte beim nächsten Mal jede*r mindestens eine Person mitbringen, die ganz anders denkt“, grübelt Bettina Schuster-Gäb im Nachhinein.

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