Preisgestaltung – Die Gretchenfrage der Selbstständigen

„Gret|chen|fra|ge, (Substantiv, feminin): unangenehme […] und zugleich für eine bestimmte Entscheidung wesentliche Frage“ – Duden

Wer ein Unternehmen gründet oder beschließt, freiberuflich zu arbeiten, die*der ist sich schon vor der Anmeldung ihrer*seiner Tätigkeit sicher: Ich habe etwas zu bieten, was die Menschheit braucht. Schwieriger wird es im nächsten Schritt. Bei der Frage nach dem Wert der eigenen Leistung, dem eigenen Aufwand und der eigenen Zeit gerät man leicht ins Schwanken zwischen angemessener Bezahlung und kund*innenfreundlichen Preisen. Die Preisgestaltung ist also die Gretchenfrage aller Selbstständigen – entscheidend, aber doch unbequem. Heute verrate ich euch meine ganz persönliche Antwort darauf und was ich diesbezüglich in den kommenden Wochen ändern werde.

Preise veröffentlichen – Soll ichs wirklich machen oder lass ichs lieber sein?

Zu Beginn steht eine Frage, die jede*n Start-Up-Unternehmer*in und jede*n Freiberufler*in früher oder später beschäftigt: Soll ich meine Preisliste online stellen? Selbstverständlich gibt es Argumente, die dafür und ebenso welche, die dagegen sprechen – sonst müssten wir ja garnicht erst überlegen. Als ich an eben diesem Punkt der Entscheidung stand, habe ich – wie ihr auf der Website unter dem Reiter Preise sehen könnt – beschlossen mit offenen Karten zu spielen. Der Anstoß dazu war schnell gegeben. Ich habe einfach für ein paar Tage mein eigenes Verhalten beobachtet: Suchte ich z.B. nach einem neuen Friseur, klickte ich die Seiten, auf denen keine Preise zu finden waren, direkt weg. Natürlich hätte ich auch eine Mail schreiben oder anrufen und den Preis erfragen können, doch wer gibt sich schon gerne die Blöße danach zuzugeben, dass man sich diesen Luxus nicht leisten kann?! Außerdem kann ich meinen Kund*innen mit meiner Preisliste zeigen, dass ich bestens auf ihre Anfragen vorbereitet bin und die Preise für alle Aufträge gleich ausfallen.

Besonderheiten im Bereich des Textens – Preis pro Wort oder pro Zeit?

Als Texterin musste ich mir aber nach der ersten großen Entscheidung zur Preistabelle gleich die nächste Frage stellen: Auf welche Art möchte ich abrechnen, um möglichst viel Klarheit in den Preis-Leistungs-Vergleich zu bringen? Viele Kolleg*innen rechnen ihre Leistung nach der benötigten Zeit ab, da ihrer Meinung nach so auch der Rechercheaufwand gewertschätzt wird und der Verdacht, man würde extra viel schreiben um mehr zu verdienen, garnicht erst aufkommen kann. Ich habe mich trotzallem dafür entschieden meine Textaufträge nach Anzahl der geschriebenen Worte zu berechnen. Den soeben erwähnten Vorwurf unterbinde ich einfach, indem ich mit meinen Kund*innen bei der Besprechung des Briefings eine etwaige oder maximale Wortzahl für den Wunschtext festlege. Der ausschlaggebene Grund für meine Entscheidung ist der, dass ich – wie jede*r andere auch – mal gute, kreative Tage habe und mal unproduktivere. Diese Schwankungen sind ganz normal, sollen aber nicht meinen Auftraggeber*innen zur Last fallen, weil ich an einem Tag eben länger brauche um 500 Worte zu schreiben, als an einem anderen. Daher rechne ich ausschließlich die Leistungen, die sich partout nicht anhand Anzahl der Wörter berechnen lassen, nach der benötigten Zeit ab.

Wie viel soll es denn nun kosten?

Kommen wir nun zum letzten und vielleicht auch spannendsten Punkt – der Preishöhe. Im Dienstleistungsbereich, in dem man nicht vom Einkaufspreis seiner Produkte ausgehen und diesen mit einem bestimmten Faktor multiplizieren kann, gilt in vielen Branchen die Faustregel von einem Euro pro Minute. Wer in einem Angestelltenverhältnis arbeitet, mag sich über einen Stundenlohn von 60€ durchaus wundern, doch für Selbstständige fallen auch viele Tätigkeiten an, die nicht durch Kund*innenaufträge gedeckt werden und demnach unbezahlt bleiben. In diesen Bereich gehören Marketingaktivitäten aber auch bürokratische Aufgaben wie Rechnungsstellung oder Buchhaltung. Mit Weiterbildungen und Kund*innengesprächen sieht es genauso aus. Da ich alle diese Faktoren in meinen Wortpreis mit einzubinden versuche, beläuft sich dieser mittlerweile auf 9 Cent. Bei den Tätigkeiten, die auch ich nach Stundenlohn abrechne, habe ich mir in den letzten Tagen im Zuge einer umfangreichen Konkurrenzanalyse einige Gedanken gemacht. Stell dir einfach folgendes Szenario vor:

In deiner Lieblingsstadt gibt es zwei Restaurants, deren Lebensmittel die gleiche Qualität und deren Köchinnen die gleichen Kenntnisse besitzen. In beiden ist es vergleichbar gemütlich und auch die kulinarischen Richtungen stimmen überein. Die Besitzerin des einen Restaurants weiß, wie sie ihre Preise kalkulieren muss, um alle Kosten zu decken und die Angestellten angemessen bezahlen zu können. Die Besitzerin des anderen Restaurants hingegen hat keine Ahnung von Kalkulation und bietet ihre Gerichte demnach deutlich günstiger an. Auf lange Sicht wird das Restaurant mit den geringen Preisen bankrott gehen, da für die Inhaberin nichts dabei rausspringt und sie weder ihre Rechnungen begleichen, noch ihre Mitarbeiterinnen bezahlen oder von dem Job leben kann. Bis es aber soweit ist, wird dieses Restaurant dem anderen (in dem gut gewirtschaftet wird) die Gäste abwerben, die gerne günstig essen, weshalb letzten Endes beide schließen müssen.

Leider ist mir bewusst geworden, dass ich die Besitzerin des preiswerten Restaurants bin. Bei meiner Preisgestaltung habe ich mich zu stark darauf konzentriert, viele Aufträge an Land zu ziehen und meinen Kund*innen dabei möglichst weit entgegenzukommen. Dass ich mich selbst damit unter Wert verkaufe und den Markt in meinem Segment schädige, ist mir erst jetzt aufgefallen. Ich werde meine Preise also zeitnah etwas anheben und so ein echtes Gleichgewicht zwischen Kund*innenfreundlichkeit und fairem Lohn für mich selbst und alle anderen Texter*innen schaffen.

Du wolltest mir schon immer deine Meinung zu meinen Preisen sagen? Jetzt hast du die Möglichkeit dazu! Hinterlasse gerne einen Kommentar. Ich freue mich darauf, deine Sichtweise kennenzulernen.

3 Kommentare

    1. Danke für das Lob, Bernhard. Das Ergebnis dieses Posts hab ich aber auch dir und all den anderen Texterinnen und Textern, die ebenso offen mit ihren Preisen umgehen, zu verdanken. Liebe Grüße!

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