Was ist schon gerecht?

„Die Uni ist oft unfair. Das offen zu sagen ist ein Anfang“ – so schreibt die Zeit Campus (aktuelle Ausgabe: Nr. 2 März / April 2018). Seit ich die Titelstory gelesen habe, juckt es in meinen Fingern. Wie oft haben wir nicht gehört, dass die Zeit an der Uni wohl die schönste in unserem Leben sein wird? Das gilt leider nicht für alle. Höchste Zeit, das Thema Gerechtigkeit anzusprechen – im Unikontext, aber auch darüber hinaus.

„An der Uni gelten für alle die gleichen Regeln“ – scheinbare Chancengleichheit

Wer auch immer diesen Satz ausspricht, tut dies oft in dem guten Glauben für Gerechtigkeit zu sorgen. Alle bekommen die gleichen Unterlagen. Jeder muss die schriftliche Ausarbeitung oder das Handout des Referats zum gleichen Termin abgeben. Niemand darf häufiger als zwei Mal pro Semester fehlen, etc. Was als Richtlinie für möglichst viel Chancengleichheit dienen soll, erhält in Wahrheit nur den Schein.

Tim und Tina besuchen ein Seminar, in dem jede*r ein Referat halten muss. Damit diejenigen, die zu Beginn des Semesters dran sind, nicht weniger Zeit zur Vorbereitung haben als diejenigen, die erst am Ende des Semester ihren Vortrag halten, sollen alle Studierende bis zur dritten Semesterwoche ihre Präsentation bei der Dozentin einreichen – danach darf daran nichts mehr verändert werden. Nun könnten wir uns alle freuen, wie fair dieses Verhalten doch ist. Doch werfen wir vorher einen Blick in Tinas Terminkalender. Sie hat Ende des Semesters drei Klausuren und in der Mitte des Semesters noch ein weiteres Referat. Die Abgabe ihrer Präsentation zu Beginn des Semesters ist für sie also sehr praktisch. Tim hingegen hat gleich in den ersten vier Wochen drei Referatstermine, auf die er sich vorbereiten muss. Für seine beiden Hauptseminare stehen in den ersten vier Wochen die einführenden Theorietexte auf der Leseliste, die jeweils bis zu 70 Seiten umfassen. Seinen Referatstermin in besagtem Seminar hat Tim absichtlich ans Ende des Semesters gelegt, weil er dann deutlich mehr Zeit zur Verfügung haben wird. Und schon ist offensichtlich: Tim wird benachteiligt – oder hat er einfach nur Pech?

Chancengleichheit nach Dworkin 

Machen wir einen kleinen Ausflug in die praktische Philosophie, in die Ethik. Was gerecht ist und was nicht zieht nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im wissenschaftlichen Kontext eine Reihe von Meinungen und Diskursen nach sich. Der Philosoph Ronald Dworkin beschäftigt sich in seinem sogenannten „Projekt“ mit eben dieser Frage: Was ist fair? Um seine Sichtweise verständlich zu machen, kreiert er ein Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, eine Gruppe Schiffbrüchiger strandet auf einer Insel, auf der alle lebensnotwendigen Ressourcen vorhanden sind – und niemandem gehören. Dworkin sucht nach einem möglichst gerechten Prinzip, um die vorhandenen Lebensmittel etc. unter den Ankommenden zu verteilen. Das scheinbar naheliegende Ergebnis, jeder und jedem das Gleiche zuzuteilen, ist für ihn nicht zufriedenstellend. Mit dem Ansatz, dass wir alle unterschiedliche Voraussetzungen haben und demnach nie den gleichen Startpunkt, zeigt Dworkin ein deutliches Problem auf. Seine Idee wird oft auch im schulischen Kontext metaphorisch dargestellt: Wenn eine Gruppe von Tierkindern in der Tierschule zusammenkommt (ein kleiner Affe, eine kleine Giraffe, eine Maus und ein Hund) und der Lehrer gibt allen Kindern die gleiche Aufgabe – nämlich auf einen Baum zu klettern – ist das die Art von Gerechtigkeit die wir uns wünschen? Wenn drei Menschen vor einer Mauer stehen, einer groß genug um darüber zu klettern, einer groß genug um darüber zu schauen und einer so klein, dass er hinter der Mauer ganz verschwindet, haben dann alle die gleichen Chancen, da die Mauer ja für jede*n gleich groß ist?

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„An der Uni gelten meine Regeln“ – offensichtliche Diskriminierung

Worauf der Artikel des Zeit Campus Magazins jedoch eher anspielt, sind die deutlicheren Ungerechtigkeiten: Rassismus, Sexismus, Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, Sympathien, Willkür – die Liste ist lang. Wer bspw. in einem Rollstuhl sitzt und deshalb nicht die Möglichkeit hat den Keller der Bibliothek oder den Hörsaal in der 1. Etage zu erreichen, kann offensichtlich nicht am Unterricht teilnehmen. Wenn ein Dozent abschätzige Kommentare über Frauen oder ausländische Studierende äußert, wird es für diese nicht nur zur psychischen Last die Vorlesung weiterhin zu besuchen, sondern in manchen Fällen vermutlich auch schwierig, eine gute oder zumindest objektiv verteilte Note zu erhalten (vor allem bei Hausarbeiten, die unter Angabe des Namens abgegeben werden, ein bekanntes Problem). Ein passendes Beispiel bieten die Verwaltungsgebühren, die an der Universität des Saarlandes seit einigen Monaten diskutiert werden. Da die Landesregierung weiterhin fröhlich Sparzwänge verhängt, soll die Uni sich dringend benötigte Gelder von den Studierenden erwirtschaften. Neben einer zusätzlichen Verwaltungsgebühr für alle sollen vor allem die Landzeitstudierenden leiden: Bis zu 700€ könnte ein Semester zukünftig für all diejenigen kosten, die die Regelstudienzeit ihres Faches um vier Semester überschreiten. Dass dieser Gruppe meist Studierende angehören, die ihr Studium selbst finanzieren und deshalb bis zu 20 Stunden pro Woche arbeiten müssen, scheint unwichtig zu sein.

Wo Benachteiligung an der Tagesordnung ist, ist auch die Bevorzugung nicht weit. Nehmen wir an, es gäbe ein*e Student*in, die*der die maximal erlaubte Fehlstundenzahl von zwei Stunden in einem Kurs – in dem ihre*seine Leistungen überdurchschnittlich sind – aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht einhalten kann. Trotz ärztlichem Attest wird diese*r Student*in aus dem Seminar geworfen und damit vertröstet, dass die gleiche Veranstaltung im kommenden Wintersemester ja wieder angeboten werde. Dass sich der Aufbaukurs, der nur nach Bestehen der Prüfung in diesem nun gestrichenen Kurs, besucht werden kann und sich dadurch erst in drei Semestern besucht werden kann, interessiert die Dozent*innen in den wenigsten Fällen. (Ein weiterer Fehltritt und schon rückt die Überschreitung der Regelstudienzeit in greifbare Nähe.) Bei einer studierenden Mutter wird jedoch im gleichen Kurs bei jeder verpassten Abgabefrist und jeder zusätzlichen Fehlstunde ein Auge zugedrückt. Das ist dann besonders ärgerlich, wenn besagte Mutter sich fröhlich darüber unterhält, dass sie gestern zu lange mit ihren Freundinnen unterwegs war, statt ihre Präsentation einzureichen. Schon sind wir an dem Punkt angekommen, an dem wir nicht mehr von Förderung sondern von Ungerechtigkeit sprechen müssen. Natürlich lehne ich mich mit diesem Beispiel weit aus dem Fenster, denn häufig sind es gerade Studierende mit Kindern, die benachteiligt werden. Doch dieses Beispiel ist eines aus der Praxis, aus dem Unialltag. Nichts Besonderes, aber besonders unfair.

Gerechtigkeitstheorie nach Rawls

Ein System ohne Ungerechtigkeit zu erschaffen ist schwer. Sowohl in unserer hierarchisch gegliederten und doch demokratischen Gesellschaft, als auch an Bildungsinstitutionen wie der Uni. Der Philosoph John Rawls veröffentlichte 1971 sein Hauptwerk „A Theroy of Justice“, in dem er versucht einen Weg zu gerechteren Systemen zu ebnen. Er imaginiert einen Ursprungszustand, von dem aus das Volk als Gemeinschaft seine Regeln, Rechte wie Pflichten, vereinbart. Die beste aller Variationen entstehe, wenn in diesem ursprünglichen Zustand alle Beteiligten einem „Schleier des Nichtwissens“ unterliegen würden. Stellt euch vor, ihr würdet an dieser beschriebenen Verhandlung teilnehmen. Ihr wüsstet dabei aber rein garnichts über euch selbst und eure Rolle in dieser zukünftigen Gesellschaft. Werdet ihr eine Frau oder ein Mann sein, ein*e Migrant*in, eine Person mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, aus gutem oder schlechtem Elternhaus, reich oder arm, dick oder dünn, geschickt, klug, attraktiv,…? Niemand kennt seine Position. Nur aus einem solchen Zustand heraus könnte laut Rawls ein Entwurf entstehen, der für ein Maximum an Gerechtigkeit sorgt.

Leider ist dieser Ursprungszustand im Alltag mehr als nur selten – er ist utopisch. Vielleicht kann er uns aber zum Nachdenken anregen: Darüber, was Gerechtigkeit überhaupt bedeutet. Wie sie im Großen funktionieren sollte und wie wir, jede*r für sich, sie interpretieren und umsetzen möchten.

2 Kommentare

  1. Hallo Tanja,

    das ist halt das Leben. Wirkliche Gerechtigkeit gibt es halt nur in der Theorie. Die Realität aber lässt viel zu viele Möglichkeiten um irgendwo die Gerechtigkeit auszuhebeln…. Trotzdem schöner Gedanke.

    HDL Paps

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    1. Hallo Papa,

      Da hast du wohl leider recht. Die Uni ist ja kein Einzelfall sondern nur ein Rädchen im System. Wie Zeit Campus schreibt bin ich aber auch der Meinung: Vielleicht hilft es bereits, es auszusprechen – oder aufzuschreiben. Wenn wir uns über ein Problem bewusst werden, können wir es (zumindest für uns selbst, im großen Rahmen erst mal weniger) ändern!

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