Das Drama der Stadt – Eberhard Straub

Es ist – und es war schon immer – die Stadt, die die Menschen bewegt. Faszination und Abneigung liegen dabei nah beieinander. Eberhard Straubs „Drama der Stadt“ zeichnet bereits im Titel ein düsteres Bild: Die urbane Lebensform befinde sich in der Krise.

Von den ersten Großstädten, Troja, Karthago, Rom und Athen über die barocken Residenzstädte bis hin in das Post-Industriezeitalter schildert Straub das sich ständig verändernde Wesen der Stadt. Unterhaltungsliteratur für Geschichtsliebhaber. 

Es bedarf schon einer ordentlichen Portion historischen Interesses um die 200 Seiten umfassende Streitschrift in einem überschaubaren Zeitfenster zu durchqueren. Denn die sprachliche Gestaltung verrät den Historiker: Griechische und lateinische Fremdwörter, Anspielungen für Kenner und Schachtelsätze par excellence! Doch keine Sorge, „Das Drama der Stadt“ zählt definitiv eher zur Kategorie Unterhaltung als zum klassischen Geschichtsbuch und hält dazu einige Denkanstöße zu unseren Sichtweisen und Ansprüchen an das Stadtleben bereit.

Zum Inhalt

Im Vergleich zu dem, was in der Schule über Rom, Athen und Co. gelehrt wurde, streift Straub die politischen Strukturen und städtebaulichen Besonderheiten nur am Rande. Was ihn interessiert ist der Charakter von Stadt und Städtern. Obwohl es sich merkbar um eine Streitschrift handelt und der tadelnde Unterton zunimmt, je weiter die Chronologie fortschreitet, so wird auch bei den alten Städten und den Zentren des Mittelalters keine Idealisierung vorgenommen: Mangelnde Hygiene, Kriminalität, Prostitution, Armut und Intrigen zeichnen ein chaotisches Bild der sich etablierenden Großstadt. Und doch galten damals stärker denn je die Leitsprüche „Stadtluft macht frei“ und „Die Stadt gehört allen“.

Eberhard Straub beginnt im ersten Kapitel mit dem alten Karthago, reist jedoch mit enormer Geschwindigkeit durch die Jahrzehnte und bietet schon in diesem Anfangskapitel einen ersten Überblick über Gewesenes und Entwicklungen. Nach den unverzichtbaren europäischen Stadtmodellen Athen und Rom, führt die Reise weiter über Madrid bis hin zum Schönen und Kulturellen in allen Zentren der frühen Neuzeit. Passend zur quantitativen Halbzeit des Werkes wird eine scheinbare Grenze übertreten: Die Industriestädte, in deren Erbe wir bis heute leben, förderten die Ansicht der unmenschlichen Stadt zutage. Angst vor Krankheit und Gefahr trieb die Menschen an die Stadtränder, von denen aus sie jedoch spätestens in der Abenddämmerung doch wieder zum Kern aufbrachen, um Teil der lebendigen Gesellschaft zu sein. Für alle, die nicht Geschichte studiert haben, wären orientierungsspendende Jahreszahlen sicher hilfreich. Doch Straub erstellt keinen Zeitstrahl, keine schulbuchartige Chronologie, sondern das Bild wechselnder Charaktere verschiedenster Städte, Länder und Gesellschaften. Das einstige Ideal der Großstädte, Raum für Konfliktaustragung zu bieten und Geduld im Umgang miteinander zu lehren, scheint verkommen zu sein.

Inhaltsverzeichnis

 

Warum „Das Drama der Stadt“ auf deine Leseliste 2018 gehört

Eines ist unbestreitbar: Die Städte zählen nach wie vor zum bevorzugten Lebensraum der Spezies Mensch. Die Mietpreise steigen stetig ins scheinbar Unermessliche, die Gentrifizierung breitet sich auch in Kleinstädten aus und das Land wirkt mit fehlendem kulturellem Angebot, schwindenden Einkaufsmöglichkeiten und schlecht ausgebauter Infrastruktur im Vergleich mehr als nur unattraktiv. Doch nicht nur die Stadt als Wohnraum, sondern auch die in ihr agierende Gesellschaft hat sich gewandelt. Multikulti wird als Gefahr betrachtet, Arme stören die einkaufwilligen Besucher*innen in den Innenstädten und bei Krach auf den Straßen wird sogar im Vergnügungsviertel von ruheliebenden Anwohnern Alarm geschlagen.

Während Berlin den Deutschen eigentlich als Heimat aller Außergewöhnlichkeiten bekannt ist, scheint selbst die Hauptstadt im Vergleich zu historischen Städten des Mittelalters ruhig, gesittet und homogen. Straub kritisiert „Die Großstadt kann unter diesen Bedingungen nicht mehr der brodelnde Mischkessel auch unvereinbarer Substanzen sein, sie muss nun zu möglichst gleichförmigen Lebensweisen erziehen, abweichendes Verhalten ahnden oder ihm mit pädagogischen Maßnahmen zuvorkommen. Das heißt, die Metropolen mussten aufhören, Großstadt zu sein.“

Wie der Blogpost zur „Rehabilitierung des Saarbrücker Osthafens“ beispielsweise aufgezeigt, tritt eben dieses Problem immer häufiger in unseren Alltag. Alternative Subkulturen sind unerwünscht, alle Viertel müssen geplant und für die Freunde von Hochglanz und Konsum herausgeputzt werden. Das ist wohl das wahre Drama der heutigen Stadt.

Zum Autor

Eberhard Straub wurde 1940 in Berlin geboren, wo er auch heute wieder lebt und wirkt. Als habilitierter Historiker und Journalist arbeitete er unter anderem bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und war Pressesprecher des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft.