Crashkurs Nachhaltigkeit 2.0 – Niko Paechs Wachstumskritik

Umweltschutz und höhere Lebensqualität kombinieren – geht das überhaupt? Prof. Niko Paech, Verfechter der Postwachstumsökonomie, hat darauf eine klare Antwort: Ja. Doch er geht sogar noch einen Schritt weiter. Die Modelle der Zukunft umfassen aus seiner Sicht nicht nur einen geringeren CO2-Ausstoß, der dringend nötig ist. Auch die 20-Stunden-Woche ist fester Bestandteil der Überlegungen. Beim Crashkurs Nachhaltigkeit, der vomForum für Verantwortungins Leben gerufen wurde, hatte ich als eine von 50 Studierenden das große Vergnügen, Niko Paechs Vision kennenzulernen und mit ihm persönlich darüber zu diskutieren.

Die Grundpfeiler der Postwachstumsökonomie

Prof. Niko Paech ist Volkswirt. Erwartet hatten wir einen Vortrag über viele rote Zahlen, die uns der Umweltschutz beschert und an welcher Stelle wir mit unseren Bemühungen finanziell scheitern werden. Doch weit gefehlt. Die Zeit nennt ihn provokativ „den Verstoßenen“, denn dem üblichen Bild des Ökonomen entzieht er sich mit Weitblick, Wachstumskritik und einer Vision. Damit Deutschland eine realistische Chance hat das Versprechen des Klimagipfels einzuhalten und unsere Umwelt nicht weiter zu belasten, reiche es nicht aus, auf grüne Energien und weniger Plastiktüten im Supermarkt zu setzen. Des Pudels Kern ist laut Paech unsere unstillbare Gier nach materiellen Produkten. Der Konsum von Gütern, die uns von Unternehmen und Marketingagenturen als unverzichtbar vorgestellt werden, haben in der Zukunft der Wachstumsökonomie keinen Platz. Und das hat auch einen Grund.

Schon jetzt reicht unser Einkommen nicht mehr aus, um den Konsum im von uns gewünschten Ausmaß zu finanzieren. Alleine die Mieten für Stadtwohnungen sind in Deutschland (und auch in anderen Metropolen der Welt) so horrend, dass bereits 1/3 des Gehalts dafür aufgebraucht werden muss. Entlassungen und Arbeitslosigkeit sind bereits an der Tagesordnung. Ein Widerspruch entsteht: Immer mehr Konsum und steigende Preise bei schwindendem Gehalt. Demnach könnte die Postwachstumsökonomie nicht nur unser Klima, sondern auch die Menschen schützen – nämlich vor der Armut.

Die Arbeitswelt der Zukunft

Paechs Ansatz beginnt im monetären Bereich, also der Arbeit in Industrie- und Dienstleistungsbereichen wie wir sie kennen. Um zu vermeiden, dass die soziale Schere weiter auseinanderklafft, könnte die 20-Stunden-Woche zur Lösung führen. Was freiheitsliebende Globetrotter und die alternative Generation Y aus angeblich egoistischen Gründen anstreben, könnte auch unser monetäres System revolutionieren. Wenn also jede*r einzelne nur noch halb so viel arbeiten würde, könnten Entlassungen bestimmter Personen vermieden werden, sodass die Summe der Löhne zwar sinkt, aber eben gleichmäßig. Dieses System wird in vielen Betrieben durch die Kurzarbeit bereits phasenweise umgesetzt.

Selbstverständlich könnte in dieser Zeit nur noch halb so viel produziert werden – gerade in der Industrie. Doch eben da soll das Modell ja angesetzen: Der Konsum muss eingeschränkt werden. Statt immer neue Iphones mit noch besseren Kameras und noch mehr Speicherplatz zu verkaufen, während die noch intakten Smartphones in unaufgeräumten Schubladen landen, muss ein Umdenken stattfinden: Einerseits könnten kurze Wege die Logistik minimieren – sowohl die Zeit, die Fahrer in ihren LKWs verbringen, als auch die Abgase, die sie damit absondern. Paech nennt diesen Schritt „de-globalisierte Wertschöpfungskette“. Zudem wären die Prioritäten andere. Wenn ich finanziell nicht mehr in der Lage sein werde, mir ständig neue Konsumgüter zu kaufen, bin ich darauf angewiesen, ältere Gebrauchsgegenstände reparieren zu können. Effiziente Technologien, dauerhaftes Produktdesign und eine Anleitung zur Selbsthilfe – statt teurer Reparaturservices – wären die Märkte der Zukunft. Doch wie würde es uns Menschen damit ergehen?

Die psychologische Ebene

Kommen wir nun zum Begriff der „Suffizienz“. Ich möchte sie anhand einer ganz einfachen Fragestellung erklären. Stell dir vor, du hättest plötzlich zwanzig Stunden pro Woche mehr Zeit, als du momentan hast. Was würdest du damit anfangen? Lass mich raten: Du würdest mehr lesen? Du würdest stillgelegte Talente wieder fördern, die dir früher so viel Spaß bereitet haben? Du würdest mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbringen? Du würdest mal wieder richtig aufräumen? Punktlandung! Die materielle Entrümpelung, die durch den abgeschwächten Konsum in unser Leben treten würde, hat zusätzlich persönliche Vorteile. Auch unser Inneres könnten wir entrümpeln. In unserem bewegten Alltag, in dem Burnout bereits zur Volkskrankheit geworden ist, sollten wir dringend Abstand gewinnen von der ständigen Reizüberflutung und dem enormen Tempo, in dem wir durch unser Leben rennen. Eine Bewusstwerdung über die wirklich wichtigen Dingen würde die gewonnene Zeit also nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ aufwerten.

Wie würde es sich wohl leben lassen in einer Welt, in der Hobbykünstler ihre Gemälde ausstellen, Improvisationstalente Theaterstücke zeigen und die klassischen Werkbänke im Keller endlich wieder genutzt werden würden? Geld muss nicht immer der Mittelpunkt unseres Schaffens sein. Dieses taucht in der Bedürfnispyramide nach Maslow zum Beispiel gar nicht auf. Es ist die Selbstverwirklichung, nach der wir Menschen streben.

tools-1209764_1920

Das fehlende Puzzlestück – für alle Zweifler 

Du findest, dass die Postwachstumsökonomie zwar ein schönes Gedankenexperiment abgibt, aber so niemals funktionieren könnte? Das könnte daran liegen, dass das letzte Puzzlestück noch fehlt. Die wohl wichtigsten Säule in Paechs Konzept ist die Subsistenz. Dieser Fachbegriff lässt sich auch mit „Selbsterhaltung“ umschreiben. Wir alle müssten uns ein wenig verändern: Von stupiden Konsumenten hin zu Prosumenten, die der Gesellschaft etwas zurückgeben. Daher würde die gewonnene Zeit auch für Gemeinschaftsziele aufgebracht werden. Wenn wir uns selbst versorgen könnten – aus unserem eigenen Garten, vom Bauern aus der Region – hätten wir Fleisch aus bester Tierhaltung und Gemüse in Bioqualität. Ganz ohne Plastik, ganz ohne Transportwege. Eine von Paechs Studien ergab, dass selbst Hamburg inklusive der umliegenden Region mit einem Radius von 100km sich komplett selbst ernähren könnte. Und das in Bio-Qualität. Dazu müssten nicht mal alle Einwohner*innen vegetarisch leben, sondern den Fleischkonsum nur auf 24kg/Kopf herunterfahren. Das bedeutet eigentlich nichts anderes als hochwertigen Sonntagsbraten (und zwar nur am Sonntag) statt Billigfleisch in jedem Gericht. Selbst bei einem Verbrauch von 36kg/Kopf wäre noch eine Versorgung von 99% der Bevölkerung in diesem Raum möglich.

Gemeinschaftsgärten und Repaircafés blühen in hippen Großstädten als Nischenbewegungen auf. Stattdessen sollten sie unsere volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen! Wenn jede*r sich dort engagieren würde, wo er*sie ein Interesse oder Talent besitzt, könnten wir alle vom System der Gemeinschaft profitieren. Soziale Netzwerke haben in der Realität einen stärkeren Nutzen als nur virtuell. Und diese bietet noch weitere Vorteile: Teure Geräte, die wir selten nutzen und die viele Ressourcen und auch Stellplatz verbrauchen, müssten nicht mehr persönlich angeschafft werden. Wie oft nutzt du einen Rasenmäher? Oder die Waschmaschine? Stehen diese Geräte nicht die meiste Zeit über still? Wenn sich kleine Gruppen von Menschen diese Konsumgüter teilen würden, müssten weniger davon produziert werden und wir würden vermutlich sogar unsere Sorgfalt erhöhen. Wer will schon ein kaputtes Gerät zurück in den Gemeinschaftsraum stellen, wo alle anderen wüssten, dass man selbst achtlos damit umgegangen ist?

plant-1474807_1920

Schöne neue Welt – doch wer erschafft sie?

Du wist nun vielleicht sagen: „Urban Gardening, Repaircafés und Sharing-Konzepte gibt es doch schon lange! Und mein*e Chef*in würde mir niemals eine 20-Stunden-Woche erlauben.“ Auch wir Zuhörer*innen des Vortrags brachten diese Einwände vor. Die sich dahinter verbergende Frage war: Wie schaffen wir den Wechsel in diese „schöne, neue Welt“? Prof. Niko Paech hatte auch darauf eine Antwort: Wir müssen uns lediglich darauf vorbereiten. An bestehenden Angeboten teilzunehmen oder selbst welche ins Leben zu rufen, kann nicht schaden. Doch die Postwachstumsökonomie wird ohnehin kommen. Denn erinnere dich: Die gewonnene Freizeit, die menschliche Gemeinschaft und selbst der Klimaschutz sind nur Nebenerscheinungen. Tatsächlich müssen wir lernen mit unserem Geld zu wirtschaften. Und wenn dieses knapp wird, verschlägt es vielen Kritikern die Sprache und sie werden plötzlich kreativ. Willkommen in der Zukunft.